Literatur

Das Partizip „genannt“
Glosse von Georg Frhr. von Frölichsthal im Deutschen Adelsblatt
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Eva Schmidt, „Julie von Bechtolsheim, Wielands „Psyche“
Eine Biographie
Herausgegeben zu ihrem 250. Geburtstag von Hubert Frhr. von Bechtolsheim
in Zusammenarbeit mit dem Wieland-Museum in Bieberich und unter Mitarbeit von Volkmar Schumann, Eisenach, 2002 im PlayAlpha-Verlag

Mr. Alfa
Bahnbrecher der Zentrifuge
Eine Biographie
Zeugnisse aus Leben und Werk Clemens von Bechtolsheims vorgelegt und kommentiert von Hubert von Bechtolsheim 2007 im PlayAlpha-Verlag

Julie von Bechtolsheim 1753 – 1847 – Eine Eisenacher Persönlichkeit
Wielands „Psyche“ und Goethes „Seelchen“ in Eisenach
Zusammengestellt von Volkmar Schumann, Eisenach, aus Anlaß des 150. Todestages der Freifrau Julie von Bechtolsheim am 6. Juli 1997.
Hrsg. von der Goethe-Gesellschaft Eisenach


Im Jahre 1902 erschien ein reich ausgestatteter Band unter dem Titel „Erinnerungen einer Urgroßmutter“, der ursprünglich wohl nur als Schicksalsbericht aus einer stürmischen und äußerst wechselvollen Zeit für Sohn und Tochter konzipiert war. Allerdings sprach das Buch durch seinen beigefügten, recht groß bemessenen wissenschaftlichen Apparat ebenso wie mit dem Hinweis auf die erstmalige Veröffentlichung von Briefen solcher Geistesgrößen wie Goethe, Wieland, Herder oder auch des seinerzeit sehr bekannten Fürsten von Ligne sowie des russischen Zaren deutlich einen breiteren Leserkreis an. So erlebte das Erinnerungswerk eine erstaunliche Verbreitung und ist bis heute –bei Amazon und bei buecher.de, etc., ISBN 9783841700513 – als Nachdruck erhältlich.

Es geht um die Lebensaufzeichnungen der französischen Gräfin Catherine Duroux de Bueil, verheirateten Freifrau von Mauchenheim genannt Bechtolsheim. Ihr Schicksal wurde wesentlich geprägt durch die französische Revolution und die Auseinandersetzungen der napoleonischen Epoche. Gleichzeitig spiegeln sie das gesamteuropäische Lebensgefühl wieder, das im 18. Jahrhundert zumindest die Schicht der Gebildeten erfasste und eine ausgedehnte Reiseberichterstattung und intellektuelle Korrespondenztätigkeit entwickelte. Gerade die sehr beschränkten Möglichkeiten einer weitreichenderen Kommunikation und Information führten zu einer gewissen Vereinheitlichung der kulturellen Auffasssung; man denke hier nur an die Korrespondenz des Baron Melchior von Grimm, der als russischer Geschäftsträger der Zarin aus Paris praktisch alle regierenden Fürsten und die geistigen Eliten Europas über die neuesten kulturellen, intellektuellen und modischen Entwicklungen der Zeit per Reihenbrief im Abonnement unterrichtete.

Schloß Varennes sur Marne

1787, also kurz vor Beginn der französischen Revolution auf dem Schloß Varennes-sur-Marne geboren, war Catherine die älteste Tochter eines wohlhabenden Grafen aus der Champagne, der als Major der Garde Königs Ludwigs des XVI. diente. Größten Einfluß auf das Kind aber hatte ihre Mutter, die als Ehrendame der russischen Zarin Katharina II. für ihre Tochter deren Vornamen wählte und zeitlebens eine enge Verbindung zum Zarenhof hielt, so daß die Zarin als Taufpatin für die zeitlebens „Kathinka“ genannte kleine Gräfin fungierte.

Wie aber kam es, daß eine Französin aus der Provinz einen deutschen Baron aus der Provinz heiratete und ein langes Leben in Deutschland verbrachte?

Ihre Urgroßmutter war Louise d’Epinay, berühmte Schriftstellerin und Weggefährtin großer Intellektueller wie Voltaire und Diderot, die Jean-Jaques Rousseau bei sich auf ihrem auf ihrem Schloß „La Chevrette“ in Deuil-la-Barre jahrelang beherbergte und Mozart bei seinem Aufenthalt in Paris freundliche Aufnahme in ihrem Hause gewährt hatte. Die Mutter von Kathinka, eine geborene Vicomtesse de Belsunce, war bei Louise d’Epinay aufgewachsen und der Baron Grimm, der auf das engste mir ihr befreundet war, hatte der Urgroßmutter der Autorin vor deren Tod versprochen, sich stets um ihre Enkelin und deren Kinder zu kümmern. Die Revolution beendete dieses friedvolle Leben auf das grausamste. Der ältere Bruder der Mutter unserer Kathinka wurde 1790 als eines der ersten Opfer einer aufgestachelten Massenhysterie auf offener Strasse ermordet, in Stücke zerrissen und zumindest teilweise kannibalisiert.

Der Baron von Grimm (links) und Emil Frhr. v. Mauchenheim gen. Bechtolsheim

Die traumatisierte Familie folgte flüchtend dem Baron Grimm nach Deutschland, zunächst nach Gotha und später nach Hamburg, wo Grimm zum Gesandten des neuen Zaren Paul I. ernannt worden war. Während die Eltern der Autorin sich nach St. Petersburg begaben um dort eine neue Zukuft für die Familie aufzubauen, reiste die Autorin mit Grimm nach Gotha, einer Einladung des Herzogs von Sachsen-Gotha folgend. Hier lernte Kathinka ihren späteren Mann kennen, Emil Freiherr von Mauchenheim genannt Bechtolsheim, Offizier in preußischen Diensten. Er war der älteste Sohn von Julie von Bechtolsheim geb. von Keller aus Eisenach, die durch ihre Freundschaft und Korrespondenz mit Goethe und Wieland sowie ihren literarischen Salon in Eisenach bekannt geworden war. Mehrere Gedichte von ihr sind in den „Erinnerungen“ abgedruckt. Nach Auflösung der preußischen Armee konnte sich Emil mit Kathinka und dem kleinen Sohn Alexander auf dem französischen Besitz der du Bueils in Varennes niederlassen, nachdem Emil das Versprechen abgegeben hatte, niemals in irgendeinem Krieg gegen Napoleon wieder zu den Waffen zu greifen.

Die Familie erhoffte sich ein dauerhaft friedliches Leben auf dem langsam wieder aufzubauenden großen Landgut Varennes, aber Emil erkrankte plötzlich am nicht erkannten Flecktyphus und verstarb innerhalb weniger Tage. Es folgte ein Hin- und Her der Witwe mit ihrem Sohn Alexander und ihrer Tochter Clothilde, zunächst unter der Ägide ihres Onkels Wilhelm Graf von Keller nach Schloß Stedten bei Gotha, dann zurück nach Varennes, wo sie 1815 ihre Eltern wiedersehen sollte; aufgrund der Rückkehr Napoleons an die Macht aber floh sie nach Stedten zurück und nahm schließlich eine Berufung als Obersthofmeisterin bei der ältesten Tochter des Erbgroßherzogs von Mecklenburg-Schwerin in Ludwigslust an. Sehr eindrücklich beschreibt sie Reisen mit der großherzoglichen Familie und die Besuche der verschiedensten Herrscher Europas in Ludwigslust und etlichen, seinerzeit illustren Badeorten. Immer wieder reist sie nach Schloß Stedten, dem Wohnsitz der Familie der Grafen Keller, aus deren Familie Ihre Schwiegermutter stammte. Nach der Heirat der Erbgroßherzogin erwarb Kathinka das Gut und Schloß Bodenstein bei Regensburg, wo ihr Sohn Alexander studierte (über Schloß Bodenstein s. unsere Website www.vonbechtolsheim.net, Historische Orte). Mit der Ankunft in Schloß Bodenstein am 12. November 1825 enden die „Erinnerungen einer Urgoßmutter“. Zu diesem Zeitpunkt war die damals 38jährige noch lange keine Urgroßmutter. Sie hatte mit den „Erinnerungen“ für ihre beiden Kinder, Alexander und Clothilde, ein anschauliches Bild der Zeiten geben wollen, die die Kinder nicht miterlebt hatten, sei es wegen zu großer Jugend oder wegen der häufigen Abwesenheiten der Mutter. Daß ihnen auch ein großes Maß an dichterischer Kraft innewohnt, war der Autorin offenkundig durchaus bewußt.

Sie verbrachte lange Jahre in Bodenstein, wo sie eine Schule gründete, dessen Lehrpersonal sie aus eigener Tasche finanzierte. Alexander heiratete 1837 Caroline Freiin von Freiberg-Eisenberg und wurde mit seinen drei Söhnen Gustav, Maximilian und Clemens der Stammvater aller Mitglieder der älteren Linie unserer Familie.

Im Jahre 1852 trafen die Autorin gleich zwei schwere Schicksalsschläge, als sowohl Alexander wie auch seine Schwester Clothilde im Abstand von drei Monaten verstarben. Sie unternahm eine letzte Reise nach Frankreich im Jahre 1843, um ihren damals bereits hochbetagten Vater und die Familie ihres Bruders zu besuchen. Sie überlebte ihre Kinder um 20 Jahre, zunächst auf ihrem Schloß Bodenstein und schließlich im Münchener Haus ihres Schwiegersohns Gustav Reichsgraf von Oberndorff, wo sie ihre letzten Lebensjahre bis zu ihrem Tode im Jahre 1872 verbrachte. Sie wurde beigesetzt in dem Familiengrab auf dem Münchener Alten Südfriedhof, in dessen Arkaden eine Namenstafel an die im 2. Weltkrieg zerstörte Grabstätte und die dort Beigesetzten erinnert (s. unsere Website www.vonbechtolsheim.net, Intern/Bilder/Familiengräber).

Katharina in späteren Jahren, gemalt vermutlich von ihrem Sohn Alexander, ca. 1850, Bild in Privatbesitz

Daß mit dem Ende der napoleonischen Kriege in Europa eine neue Zeit anbrach, in der die schicksalhaften Zusammenhänge abgelöst wurden von alltäglichen, privaten Ereignissen, machen die „Erinnerungen“ sehr deutlich. In diesem Sinne kann es als stimmige Entscheidung angesehen werden, daß die Autorin ihr Werk im Jahre 1825 beschließt, obgleich ihr noch fast 50 weitere Jahre gegeben waren.
D.v.M.